August 08, 2019

Leinen los - die Arktis ruft

Das persönliche Reisetagebuch von den Fotografen Dawna und Hitsch

78 Grad Nord

Wir reisen nach Longyearbyen. Dies ist der Hauptort auf Svalbard. Gut geschützt liegt die mit rund 2300 Einwohnern bevölkerte Ortschaft im Adventfjorden, einem Seitenarm des viel grösseren Isfjord an der Westküste. Longyearbyen ist nicht das Ziel unserer Expedition in das arktische Eis sondern vielmehr der Ausgangspunkt. Wir sind zum fotografieren hierher gekommen und wollen noch weiter. Man kann das nur noch per Schiff oder Motorschlitten. Wir wählen das Schiff. Der Name Longyearbyen hat übrigens nichts damit zu tun, dass man hier findet, das vergangene Jahr war besonders lange. Longyearbyen wurde 1906 vom amerikanischen Unternehmer John Munroe Longyear gegründet. Wie war das? Svalbard? Die Meisten verdehen nur ungläubig die Augen bei der Erwähnung dieses Namens. Sagt man aber man gehe nach Spitzbergen, dann wird’s schon etwas klarer. Richtig, Svalbard wurde lange Zeit Spitzbergen genannt. Dabei heisst eigentlich nur die grösste Insel Spitzbergen, das ganze Archipel aber wird Svalbard genannt, was norwegisch ist (oder eigentlich vikingisch, denn die Vikinger haben die Inselgruppe im 12. Jh. entdeckt) und soviel wie „kühle Küste“ bedeutet – ziemlich treffend übrigens. Heute, am 3. April herrschen draussen bei Sonnenschein angenehme -14 Grad Celsius, eher etwas zu warm für die Jahreszeit, wie die Einheimischen mir sagen. Aber eigentlich gibt es hier keine Einheimischen. Es gibt keine Svalbardianer. Svalbard gehört zwar zu Norwegen aber auch irgendwie nicht, dazu aber gleich noch mehr.

Longyearbyen befindet sich auf einer nördlichen Breite von 78 Grad. Gestartet bin ich irgendwo zwischen dem 46. und dem 48. Breitengrad, auch Nord. Der nördlichste Punkt in Alaska liegt gerade mal bei 71 Grad und entspricht etwa dem Nordkap, also dem nördlichsten Punkt in Norwegen. Wenn man zum ersten Mal in den Norden reist wird man bald mal mit diesen Zahlen konfrontiert und man merkt, dass man eigentlich gar nichts damit anfangen kann. Was heisst das schon, 78 Grad Nord. Klar der Nordpol ist bei 90 Grad, soviel ist schon mal sicher. Aber zum Nordpol reisen tut man ja nicht einfach so. Es ist nicht die klassische Feriendestination, zu dem die Eltern ihre Kinder mitnehmen so wie ans Mittelmeer oder an den Gardasee, weil die denken, dass würde der Entwicklung gut tun. Also sind die 90 Grad als Referenz auch nicht gerade hilfreich. A propos Breitengrade. Der Abstand zwischen den Breitengraden entspricht etwa 111km. Somit ist als Longyearbyen etwas mehr als 3'400km von Klosters, unserem Heimartort entfernt. Wenn wir den Leuten zuhause sagen, wir reisen in die Arktis, dann schauen sich Einige hilfesuchend nach einem Elektroofen um und denken, die sehe ich vermutlich nie wieder. Diese Region ist für die meisten so fassbar wie das Quellgebiet des Amazonas, das chinesische Hinterland oder Eritrea. Und wir reisen jetzt schon zum dritten Mal hierher – ja, wir sind vom Arktis-Virus befallen. Und das richtig heftig.

Svalbard ist eine unabhängige Inselgruppe, die von Norwegen verwaltet wird. Per Vertrag. Gemäss diesem Svalbardvertrag, darf jede Nation, die ihn mit unterzeichnet eine Forschungsstation in Svalbard errichten, also auch die Flagge hiessen. Militärische Einrichtungen sind aber verboten. Etwas, was die Norweger vor allem den Russen von Zeit zu Zeit wieder in Erinnerung rufen müssen. Die meisten Forscher findet man in Ny Ålesund, einem für Nicht-Wissenschaftler gesperrter Ort im Kongsfjorden, ein paar nördliche Schiffsstunden von Longyearbyen entfernt. Der Sysselmannen, der norwegische Gouverneur (zur Zeit eine Frau) sorgt dafür, dass die mit dem Vertrag eingehenden Verpflichtungen eingehalten werden. Das macht sie von Longyearbyen aus oder von einem sehr grossen Schiff, mit dem sie öfters um die Insel tuckert und schaut was all die Forscher und Reisenden da so treiben. Sämtliche Expeditionen müssen nämlich beim Sysselmannen angemeldet und bewilligt werden. Man kennt ihr Boot und wenn es kommt heisst es sofort, aufgepasst Leute. Wenn wir uns jetzt nicht absolut korrekt verhalten, dann sitzen wir schneller im Flieger nach Süden als dass wir Svalbard buchstabieren können. Der Sysselmannen lässt nicht mit sich spassen. Und das ist auch gut so – wo immer mehr Leute sind, gibt’s auch immer mehr Idioten, die irgendwelche Regelverstösse begehen. Zum Beispiel, dass irgendwer Müll zurück lässt oder einen Walknochen einpackt. Auch per Gesetzt gilt, wer sich ausserhalb von Longyearbyen bewegt, hat eine Waffe zum Selbstschutz mitzuführen. Aber wehe dem, der damit einen Eisbären erschiesst, auch wenn man dies aus Notwehr tut. Das Erlegen eines Eisbären kommt einem Mord an einem Menschen gleich und wird ähnlich gewissenhaft untersucht und hart bestraft. Vermutlich hat man sich zu dämlich und damit falsch verhalten und hat also fast schon unter Vorsatz gehandelt.

Kommt man das erste Mal nach Svalbard, merkt man schnell, dass hier alles etwas anders ist und man staunt eigentlich alle halbe Stunde über irgendeine neue Regelung, die es zu beachten gilt. Vor allem das mit der Bewaffnung hat mich besonders beeindruckt – mich als überzeugten Pazifisten und Waffengegner. Ein Freund von mir ist Bergführer und sollte nach Longyearbyen um sich für künftige Skitouren in Svalbard mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut zu machen. Er sollte sich zum Svalbard-Guide ausbilden lassen, was er auch tat. Nach seiner Ankunft ging es direkt zum Schiessstand, wo die Ausbilder ihm und den anderen Kursteilnehmern eröffneten, dass derjenige, der die Schiessprüfung nicht bestehe, mit dem nächsten Flieger zurück nach Hause dürfe. Ohne Flinte bist Du in Svalbard nicht zu gebrauchen und endest als Bärenfutter. Und, man vermutet es bereits, das Füttern von Bären ist strengstens verboten.

Odoo CMS - a big picture

Svalbard: Leeres Land - Reiches Land

Es ist die erste Reise nach Svalbard im Winter. Zweimal war ich im Sommer hier. Bereits bei meiner allerersten Reise hierher, hat mich dieses Land direkt in ihren Bann gezogen. Und dabei fällt es mir immer noch schwer genau zu beschreiben was eigentlich der Reiz ausmacht, denn soviel gibt es nicht zu sehen. Oder doch? Meine Bilder zeigen eine aufgeräumte Landschaft bestehend aus Bergen, Wasser und Eis. Im Sommer zeigt sich dort wo der Schnee und das Eis den Boden frei gegeben hat eine rauhe, oft eine karge steinige Oberfläche. Dank der unzählbar vielen Vögel oder vielmehr deren Ausscheidungen gibt es eine Art Tundra. Der Vogeldünger hilft der vorwiegend aus Gräsern, Moosen und Flechten bestehenden Vegetation während des kurzen arktischen Sommers zu wachsen und für den Fortbestand zu sorgen. Und es ist wichtige Nahrungsquelle für zahlreiche Vogelarten und die wild lebenden Rentiere. Bäume oder Büsche sucht man vergebens. Trotz dieser unwirtlichen Bedingungen habe ich mich sofort heimisch gefühlt. Ich dachte gleich, es sieht aus wie bei uns im hochalpinen Raum.

Die Berge steigen bis auf rund 1700m ü. M. an und haben tatsächlich einen sehr alpinen Charakter. Dazwischen liegen die massiven Gletscher, die in die Fjorde fliessen und in allen denkbaren Nuancen von Blautönen schimmern und für eine unglaubliche Ruhe vielleicht sogar für etwas Romantik sorgen. Daneben diese wunderbaren und für Geologen äusserst faszinierenden, unterschiedlichen Gesteinsschichten, die man in jeder Bergflanke entdeckt und Svalbard auszeichnen. Schon beim Anflug über Svalbard hat meinen atemberaubenden Anblick auf die vielen Gletscher und die daraus herauswachsenden Bergspitzen. Das dunkle Gestein der Berge und die in Streifen darüber gezogenen Schneefelder sorgen für ein ganz besonderes Bild. Ich schaue durch das Fenster auf diese Zebraspitzen und male mir aus, wo ich meine Aufstiegsspur setzten und welche Abfahrten ich unbedingt wählen würde. Schon bedaure ich ein wenig, dass ich meine Skitourenausrüstung nicht dabei habe. Du bist als Fotograf hier und du hast eine Expedition vor dir, sage ich mir dann und hoffe, dass mich meine Entscheidung nicht enttäuscht.

Was aber gibt es über Svalbard zu berichten ausser über die Landschaft und die Tierwelt zu sprechen? Tatsächlich gibt es so einiges zu erzählen. Es ist so viel, dass es mehrere Bücher über Svalbard, deren Geschichte und Besonderheiten gibt. Ich möchte mich bei meiner kurzen Abhandlung aber auf zwei, drei Bereiche konzentrieren, die mich vor allem überrascht oder beeindruckt haben. Ich werde also über den Walfang, den Bergbau und die Forschungseinrichtungen auf Svalbard berichten. Und den Tourismus. Im Mittelalter hat vor allem die niederländische Seefahrt Svalbard für sich entdeckt. Die ersten Seefahrer, auf der Suche nach neuen Passagen nach China und Indien, mussten oft schon nach kurzer Reise wieder zurück und berichteten über ausserordentlich reiche Walfanggründe im Norden. Tatsächlich schienen die Walherden unendlich zu sein, die sich im Polarmeer rund um das Archipel und in den Fjorden tummelten. Der über die Jahrhunderte hinweg, anhaltende Walfang hat die Bestände fast ausgerottet. Es ist ein düsteres Kapitel in der Geschichte Svalbards und ich mag es auch gar nicht ausführlich beschreiben. Es musste etwa so zu- und hergegangen sein wie in den wüstesten Zeiten des Goldrausches am Klondyke, also äusserst skrupellos. In alten Berichten liest man vom rot verfärbten Meer, wenn die Walfänger ihre Beute direkt am Strand geschlachtet haben um vor Ort das begehrte Fett auszukochen. Noch heute findet man Überreste dieser Öfen. Und überall Unmengen von Walknochen. Man kann sich das Gemetzel kaum vorstellen. Irgendwann dann, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhundert, hat sich aufgrund der schwindenden Fangmengen, der Walfang nicht mehr gelohnt und Mineralogen haben sich daran gemacht das Land etwas genauer zu untersuchen. Nebst spärlichen Vorkommen von Metallen hat man vor allem eines gefunden: Kohle. Das hat für viel Aufregung geführt und die Leute wieder von grossen Reichtümern träumen lassen.

„Die Kohle, der schwarze Diamant, steht an den verschiedensten Stellen der Insel offen zutage, kostbare Marmorlager, ja sogar Gold soll gefunden sein.“

So beschrieb der Chronist Gunnar Holmsen 1912 die Euphorie der Bergbauleute. Man versuchte alles abzubauen was irgendwie lohnend aussah. Man baute Dinge ab, die sich auch nach Jahren nicht in Gold oder Marmor verwandelten und einfach nur primitives Gestein war. Amerikaner, Russen und Skandinavier fielen über die Kohle her als wären es warme Brötchen, die man aus dem Ofen zu holen hat. Überall buddelten die Leute Löcher in die Erde auf sehr abenteuerliche Art und Weise. Das Ganze begann im 19. Jahrhundert, meist mit einfachster Technik, nämlich von Hand. Erst nach dem zweiten Weltkrieg kamen Luftdruckbohrer und der maschinelle Bergbau in Mode. Im Museum in Longyearbyen kann man sich bestens darüber informieren und zahlreiche Exponate aus dieser Zeit bestaunen. Die Kohle wurde zu Beginn komplett exportiert, natürlich per Schiff. Interessanterweise wurden aber keine Strassen gebaut um die Kohle zu den Ufern und zu den Schiffen zu transportieren. Strassen waren und sind schwierig anzulegen. Der Permafrost macht den Bau sehr aufwendig und teuer. Zudem müsste man die Strassen im Winter dauernd räumen um diese mit schweren Lastwagen befahren zu können. Nein, auf Svalbard bediente man sich einer viel einfacheren Transporttechnologie, man baute Seilbahnen. Diese konnten bei jedem Wetter und bei allen Temperaturen fahren. Natürlich auch im arktischen Winter, wo es von November bis April zapenduster ist. Heute bauen nur noch Norweger in der Nähe von Longyearbyen und die Russen in Barentsburg Kohle ab. Die Norweger machen daraus Strom für den Hauptort, die Russen exportieren die Kohle nach wie vor in die Heimat. Die Überreste der verlassenen Mienen und Transportseilbahnen sind geschützt und verleihen der Landschaft eine melancholische ja fast schon eine depressive Note.

Svalbard lag aber auch immer schon im Auge der Forscher und bedeutete für die Wissenschaft das Tor zu Arktis, das Tor zum Nordpol. Vorab sei mir ein kleiner Exkurs in die Neuzeit erlaubt, bevor wir uns mit der weiteren Aufarbeitung der Geschichte Svalbards widmen. Bei unserem letzten Besuch in Longyearbyen waren rund 350 Personen in Svalbards Hauptstadt regelrecht gestrandet. Wer heute zum Nordpol reisen möchte, wird in Longyearbyen halt machen müssen. Dort versammeln sich alle, bevor es mit dem Flugzeug zu einem temporären Flugplatz auf dem Packeis weitergeht. Von dort muss man dann noch etwa 3-5 Tage zu Fuss zum Nordpol marschieren. Das ganze Nordpolabenteuer ist nur während eines bestimmten Zeitfensters möglich, wenn das Wetter und die Temperaturen mitspielen. Und jetzt wird’s lustig: Die Russen sind seit je her für den Bau und den Betrieb dieses Eisflugplatzes verantwortlich. Normalerweise sind es auch nur russische Flugzeuge mit russischer Besatzung, die diese Flüge anbieten. Man braucht dafür etwas speziellere Flugzeuge, die diesen Bedingungen gewachsen sind und man braucht eine nervenstarke Crew, denn das Wetter und damit die Sicht können dort für schwierigste Start- und Landebedingungen sorgen. Kanadier, wie man mir gesagt hat, schütteln schon von weitem den Kopf, wenn man das Thema anspricht. Der besagte Flugzeugtyp war nicht verfügbar, gut man fand an einem anderen Ort einen geeigneten Flieger und die Info endlich geht’s los - auf zum Nordpol! Wer sollte aber das Ding dort hin steuern – es fand sich keine keine russische Crew. Auch das Problem konnte behoben werden – jetzt endlich geht’s zum Nordpol! Eine Besatzung aus Kiew wurde angeworben, die wartenden Passagiere zu bedienen. Flugzeug und Besatzung trafen in Longyearbyen zusammen. Dort irgendwie erst realisierten die Ukrainer, dass sie auf einem, auch wenn nur vorrübergehenden, russischen Flugplatz zu landen hätten. Hallo, mit Russen zusammen arbeiten? Unmöglich! Einzelne Nordpolreisende warteten bis zu einem Monat in Longyearbyen auf einen Transport, bis zuletzt das Ganze Projekt für diese Saison offiziell abgesagt wurde. 

Gut, zurück zur Geschichte Svalbards und den wirklich wichtigen Geschichten. Es mag nicht erstaunen, dass man schon bei den ersten Versuchen, den Nordpol zu erreichen Zwischenhalt in Svalbard gemacht hat. Wer kennt sie nicht, all die abenteuerlichen, meist waghalsigen Unternehmungen zuoberst auf den Globus zu klettern oder um andere, die gescheitert sind, aus ihren misslichen Lagen befreien zu wollen.

Es waren viele die kamen und es waren noch viele mehr, die scheiterten und ihr Leben liessen. Nicht ganz grundlos nannten die Grönländer den Nordpol "Kingmersoriartorfigssuak", den Ort, an dem man gezwungen ist, seine Hunde zu essen.

Nachdem Peary und Henson dann 1909 endlich erfolgreich waren, folgten zunächst Nachahmer und dann die Exoten, die mit immer wilderen Ideen versuchten den Nordpol noch spektakulärer zu erobern. Zuletzt machte man sich einen Spass daraus mit Flugzeugen, Zeppelinen, Ballone und anderen Fluggeräten zumeist über den Nordpol zu fliegen. Nach vielen Abstürzen und weiteren Todesopfern verebbte der Drang dann für eine Weile. 

Nachdem die bisherigen Bemühungen um Svalbard eher wirtschaftlich motiviert waren, widmete man sich nun wissenschaftlicher Aufgaben zu. Wetter und Klimaforschung waren und sind ein zentraler Bestandteil der Forschungsarbeit auf Svalbard. Im zweiten Weltkrieg lieferte man sich doch tatsächlich immer wieder kleinere Scharmützel um die kleinen, nur durch zwei drei Mann besetzen Wetterhütten. Vor allem die Deutschen hatten dort ihre Stationen denn sie massen dem Wetter und der Wettervorhersage grossen Wert bei der Kriegsführung bei. Norweger und Russen versuchten öfters mal diese Vorhaben zu untergraben, nicht sehr erfolgreich da nicht sehr entschlossen vorgegangen wurde. Schliesslich war man in Svalbard den Elementen mehr ausgesetzt als irgendwelchen Kriegsparteien. Anders aber sahen dies die Deutschen, die jeweils die gesamte Nordmeerflotte nach Svalbard schickte um Longyearbyen, Barentsburg und andere feindliche Einrichtungen unter Beschuss zu nehmen. Trotz all ihrer Bemühungen haben die Deutschen den Krieg verloren und zogen ihre letzte Wehrmachtsstellung im September 1945 ab.

Heute sind die Unternehmungen auf Svalbard glücklicherweise alle friedlicher Natur. In Ny- Ålesund, früher ebenfalls eine Kohlegrube, stehen zahlreiche grosse Satellitenschüsseln um die Signale der Satelliten, die sich auf Polarkursen befinden aufzufangen. Und natürlich werden jede Menge Klima- und Wetterdaten gesammelt. In Longyearbyen gibt es zudem eine Universität. Als Aussenstelle der Universitäten Bergen, Tromsö und Oslo wird hier arktische Geologie, arktische Geophysik und arktische Technologie unterrichtet. Es sind nicht viele, aber doch einige Studenten, die sich diesen Themen widmen und so mithelfen den Forschungsstandort Longyearbyen weiter zu etablieren.

Auch ich habe lange Zeit im Tourismus gearbeitet und als Schneesportlehrer tue ich das auch noch heute ab und zu. Seit ich mich der Fotografie zugewandt habe, hat sich mein Blick auf die Dinge verändert. Ich erkenne natürlich die Wichtigkeit des Tourismus auch für einen Gegend wie Svalbard. Trotzdem war ich dann schon etwas geschockt, als eines der grösseren Kreuzfahrtschiffe mit 3'500 Passagieren im Hafen von Longyearbyen angedockt hat, um sich für einige Stunden seiner Fracht zu erledigen. Ich behaupte mal, dass so ziemlich jeder Bus auch die Kaputten im Einsatz waren um die Menschen in den Ort und wieder zurück zu bringen. Eine Verkäuferin in einem der vielen Sportgeschäfte (Longyearbyen ist zollfrei – reist man dorthin, dann also mit leerem Koffer) hat mir gesagt, dies sei einer der Tage an dem man sein Haus, seine Wohnung verbarrikadieren muss, denn diese Leute schrecken nicht davor zurück eine unverschlossene Haustüre als persönliche Einladung zu werten. Eine Freundin von ihr sei zu Hause gewesen und wäre im Begriff gewesen, das Mittagessen für die Familie zu kochen, als etwa 5, 6 Kreuzfahrer in ihrer Stube gestanden seien, munter die Einrichtung und die Einheimische fotografierten und sich wunderten, warum die Bewohnerin den Besuchern sehr deutlich den Ausgang zeigte. Menschen in Gruppen sind so ziemlich etwas vom Gefährlichsten und Grusligsten. Ich dachte und hoffte, dass gerade Orte wie Longyearbyen davon verschont blieben. Als ich im Sommer dann einmal zufällig vor einem der grossen Schneemobil-Sommerparkplätze vorbeikam, verflog auch noch das letzte bisschen Hoffnung, dass Longyearbyen ein verschlafenes Nest bleiben wird.

Odoo CMS - a big picture

Platzh

Odoo CMS - a big picture

Zu Hause auf dem Schiff

Wir gehen an Bord der MS Origo. 40 m lang, knapp 9 m breit mit einem Tiefgang von 3,5 m und einem Gewicht von 368 Tonnen. Gebaut 1955 für den Einsatz als Lotsenschiff und für lange Zeit als Schulschiff im Einsatz der schwedischen Marine, dient die Origo heute als Expeditionsschiff für verschiedene Unternehmungen, dies zusammen mit den beiden Schwesternschiffe der MS Freia und der MS Malmö. Auch wenn das Schiff nicht mehr das Jüngste und der Schiffsdiesel immer noch derselbe ist wie bei der Jungfernfahrt, so ist das Schiff tip top und mit modernster Navigations- und Sicherheitstechnik ausgerüstet. Irgendwie ist es auch mein Zuhause. Klar, das Toilettensystem ist hochsensibel und alles scheint ein wenig improvisiert. Aber es fährt zuverlässig und verfügt über die höchste Eisklasse, die es uns erlaubt Eis bis zu einer Dicke von rund 50cm zu durchbrechen. Es ist bereits das zweite Mal, dass ich mit diesem Boot unterwegs bin – ich möchte gerne behaupten, das macht mich irgendwie zum teilhabenden Reeder der Origo. Vor allem weil ich auch schon mehrere Stunden freiwillig hoch oben im Krähennest verbracht habe. Dort hat man seine Ruhe und den besten Überblick.

Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem ersten Offizier, dem Maschineningenieur, 2 Matrosen und zwei weibliche Stewards und der wichtigsten Person überhaupt, dem Koch Ulf. Nicht zur eigentlichen Crew, aber doch auch wieder gehören Ole und Martin, die beiden Guides. Beide extrem erfahren, sowohl als Fotografen als auch als Piloten unserer beiden Zodiacs, die grossen motorisierten Schlauchboote, die mit an Bord der Origo sind und uns eigentlich beinahe überall an Land bringen können oder aber auch näher ran an gewisse Tiere.

Ole schreibt dauernd an Büchern über die Arktis und Martin war auch schon für Sir Richard Attenborough als Unterwasserkameramann und Guide im Einsatz und kennt die Polarregionen wie seine Westentasche. Also beste Voraussetzungen für uns, um möglichst bald mit der hiesigen Fauna zusammen zu treffen.

Das tolle auf der Origo ist, dass man eigentlich überall hin darf. Selbstverständlich auch auf die Brücke. Die Seemänner leisten hier 24-Stunden Dienst im Schichtbetrieb und sind immer froh um etwas Gesellschaft. Dann stricken sie gerne etwas Seemannsgarn oder erklären was in den letzten Stunden passiert ist, was gerade geschieht und wie der Plan für die kommenden Stunden aussieht. Auch zeigen sie einem auf den verschiedenen Bildschirmen unseren Standort, den eingegebenen Kurs, wie viel Wasser sich gerade unter dem Kiel befindet oder warum wir gerade im Eis parkiert haben obschon ausser Eis und Nebel nichts zu sehen ist. Der Kapitän heisst Emil und sieht eher aus wie ein Teenager der noch im letzten Schuljahr ist, als ein mit allen Wassern gewaschener Seebär. Aber lässt man ihn von seinen Abenteuern erzählen, von den unzähligen Expeditionen im Norden oder von den Beinahe-Havarien in der Drake Passage runter in die Antarktis und vom Leben auf Frachtschiffen, dann merkt man schnell: er ist der Richtige für die Origo.

Die Kajüten sind klein, zweckmässig und bieten auf den zweiten Blick mehr Stauraum als vermutet. Als Fotograf schleppt man ja immer tonnenweise Ausrüstungsgegenstände mit sich herum, das will irgendwo untergebracht sein. Und man braucht Strom um alles aufzuladen und am Leben zu erhalten. So bin ich mir es gewohnt, stets verschiedene Adapter und auch mindestens eine Stromschiene dabei zu haben. Die Betten sind zwar für Appenzeller (ohne dabei abwertend dem sympathischen Ostschweizer Bergvölkchen anfeindend gegenüber treten zu wollen, aber sie sind halt von Natur aus eher etwas kompakter gebaut) konzipiert worden, trotzdem finde ich auch bei stürmischer See einen ruhigen Schlaf. Eine gewisse Resistenz gegen die Seekrankheit, welche ich zum Glück habe, sei vorausgesetzt. Es ist meiner Meinung nach ohnehin der beste Ort um der rauhen See zu trotzen. Um ehrlich zu sein, finde ich mehr und mehr Gefallen am steten Auf und Ab, wenn das Schiff sich durch die Wellen kämpft. Ich stelle mir vor, ich nehme an einem Parabolflug teil und freue mich jedes Mal über den kurzen Augenblick der Fast-Schwerelosigkeit, wenn mich das Boot in die Höhe hebt, um sodann nach unten wegzusacken. Da kommen die Erinnerungen an die Kindheit hoch, an das Gefühl von 35kg Körpergewicht. Bei Seegang gilt stets auch die Regel: immer eine Hand für das Schiff, sprich, wenn du dich nicht mit einer Hand am Boot festklammerst, dann wirft es dich gnadenlos durch die Gänge. Besonders herausfordernd sind dann die Aufenthalte in den sanitären Bereichen. Das Toilettenproblem kannte ich schon seit meiner ersten Expedition mit der Origo. Ich habe aber eine neue Toilette entdeckt, die mir zuvor nicht auffiel. Nicht weiter verwunderlich, sie hat die Ausmasse einer Zündholzschachtel. Als ich das erste Mal dieses stille Örtchen besuchte, stand ich davor und brauchte einige Minuten, bis ich die Strategie entwickelt hatte, wie ich hinein, die Türe zu und auf dem Thron Platz nehmen würde. Meine Erfahrung mit dem Parkplatz-Spiel (wo man verschiedene Autos auf beschränktem Raum vor- und zurück bewegen muss um ein definiertes Fahrzeug zu befreien) halfen mir den richtigen Ablauf zu finden. Auch wenn man meint, standfester zu sein als Andere, ich empfehle den Besuch der Toilette, egal wie gross sie sein mag, bei heftigem Schiffsrollen zu unterlassen. Ein Siphon ist kein Garant dafür, dass was mal durch ihn hindurch nach unten entschwunden ist auch dort unten verbleibt. Aufwärts gehende Bewegungen der Fäkalsammlungen haben ihre eigene Dynamik. Ein Bild davon hat meinen Wunsch, Dienst als Matrose oder Steward auf einem Expeditionsschiff zu verrichten, erheblich verringert.

Die Duschen funktionieren immer wunderbar. Wir werden bei der Einweisung stets darauf hingewiesen, dass wir die Aufenthalte in den Duschen so kurz wie möglich gestalten sollen. Es ist das Wasser welches unsere Expeditionsdauer definiert. Auf der Origo gibt’s keine Wasseraufbereitungsanlage. Einzig der Wasservorrat, den wir zu Beginn unserer Reise gebunkert haben, steht uns zur Verfügung. Eine ausgiebige Dusche wird daher von jedem tunlichst vermieden. Wer will schon für eine verkürzte Expeditionsdauer verantwortlich gemacht werden. Da müffeln wir doch gerne etwas strenger. Am liebsten möchte ich aber alle dazu anhalten auf jegliche Körperhygiene zu verzichten um dafür eine weitere Woche unterwegs sein zu können. Denn der Kraftstoff um das Boot vorwärts zu bringen sei beinahe unerschöpflich und würde locker für eine Reise nach Grönland und zurück reichen. Das tolle auf einer Expedition ist, dass wir nie wissen wohin wir eigentlich gehen oder was der grosse Plan ist. Vor jeder Mahlzeit gibt’s ein Expeditionsmeeting an welchem die letzten Erkenntnisse und Entscheidungen mitgeteilt werden. Das macht jeweils der Expeditionsleiter – in unserem Fall ist das Martin. Er entscheidet grundsätzlich wo wir hinwollen und bespricht sich mit dem Kapitän. Der erläutert ihm dann ob seine Wünsche umgesetzt werden können oder welche seerechtlichen Grenzen weder umgangen noch überschritten werden dürfen. Dann muss Martin neue Pläne aushecken. Uns sagt er dann, was seit dem letzten Meeting alles passiert ist und was für die Stunden bis zum nächsten Meeting geplant ist. Wir haben dafür ein grosses Whiteboard in unserer guten Stube aufgehängt, wo solche Dinge dann notiert werden. Ebenfalls auf der Tafel hängt eine grosse Karte von Svalbard worauf der Verlauf unserer bisherigen Reise eingetragen ist. Die Anzahl der gesichteten Tiere muss natürlich ebenfalls notiert werden. Hier findet jeweils ein Wettbewerb statt, welche Nation die meisten Eisbären entdeckt hat. Weit vorne ist Schweden. Unser Expeditionsleiter Martin hat ein untrügliches Auge und entdeckt Eisbären, die irgendwo in 3 km Entfernung hinter einem Eishügel liegen und schlafen. Ja, man sieht ein Stück Fell. Wenn Du (jetzt folgt eine unmöglich nachvollziehbare Erklärung, wo der Eisbär genau liegt) dort hinten genau schaust, dann siehst Du, dass dort etwas leicht Gelbliches hervorlugt. Polarbear Spotting funktioniert nur mit viel Übung. Unsere Schweizer Delegation hat immerhin auch schon 3 Striche an der Tafel und damit den dritten Platz in der Zwischenwertung und wir sind von sportlichem Ehrgeiz gepackt und wollen unbedingt wenigstens die Norweger überholen und den zweiten Platz ergattern. Also sieht man uns mehr und mehr auf der Brücke, die Ferngläser vor die Augen haltend. Natürlich sehen wir nach einiger Zeit überall Eisbären. Martin meint dann nur: „Mmmh, ahm, no! No Bear!“ Ich bin absolut überzeugt, er sagt das nur weil auch er an die Nationenwertung an der weissen Tafel denkt. Unser nächster Strich wird um 5 Uhr morgens fällig. Wir sitzen zusammen, trinken Tee und erzählen uns Geschichten von anderen Expeditionen. Wir tun das eigentlich immer. Wenn nicht gerade irgend etwas Spezielles passiert, sind wir draussen am fotografieren oder halten auf der Brücke nach Bären Ausschau. Da sitzen wir also entspannt vor unserem Tee und Dionys schwärmt von den unglaublichen Farben in Äthiopien. Wir lauschen teils gespannt, teils ungläubig seinem Bericht (Dionys übertreibt gerne etwas.....!) als er auf einmal: „Da, Eisbär!“ schreit und mit dem Finger auf das mittlere Bullauge zielt. Schon lange fallen wir nicht mehr auf den klassischen Running Gag mehr herein. Zu oft schreit jemand Eisbär, der sich dann als Täuschungsversuch entpuppt. Dionys springt auf und greift nach seiner Jacke, Mütze und Handschuhe. Jetzt geht der Scherz aber endgültig zu weit und wir winken schon ab und meinen, er dürfe seine peinliche Darbietung nun beenden, es wäre wirklich ein guter Versuch gewesen. Mit einem „da, schaut doch.....direkt neben dem Schiff läuft er...!“ ist er auch schon bei der Türe und draussen. Ein untrügliches Zeichen für uns, dass da womöglich etwas sein könnte. Von Neugier gepackt, schauen wir ebenfalls zum Bullauge raus und dann passiert es: Adrenalin schiesst in den Körper. Der Puls rast. Innerhalb einer Nanosekunde sind wir hellwach und gehen blitzartig die Checkliste durch. Runter in die Kabine? Nein, dafür ist keine Zeit, es muss reichen was ich anhabe – zum Glück ist die Mütze mit dabei also los. Geladene Akkus habe ich in der rechten Tasche, zwei Speicherkarten habe ich in der linken Tasche meiner Softshelljacke, die ich glücklicherweise ebenfalls griffbereit bei mir habe. Die Kameras sind draussen. Mist, muss noch Objektive drauf schrauben. Volle Konzentration und Ruhe bewahren – nur nicht nervös arbeiten. Schau die Einstellungen durch, bevor du abdrückst und schau dir den Bären zunächst an. Wo geht er hin, was ist sein Plan? Mit diesen Gedanken renne ich Dionys hinterher. Draussen sind schon drei, vier andere Expeditionsteilnehmer mit ihren Ausrüstungen beschäftigt. Jeder versucht so leise wie möglich, so schnell wie möglich, sich bereit zu machen. Schon höre ich Dionys Kamera rattern. Ich fluche innerlich. Wie konnte ich so lange an Dionys zweifeln. Da ist der Bär, leider schon etwa 50 Meter vor dem Bug und entfernt sich stetig. Ah, das falsche Objektiv. Zurück zum Depot, das 300mm aufgeschraubt zurück zum Bug. Der Bär ist schon etwa 400 Meter weg, zu weit für das richtig gute Bild. Ich versuche der Enttäuschung meditativ zu begegnen und gehe die Checkliste für meinen nächsten Tee durch.

Odoo CMS - a big picture

Kohldampf an Board

Auf einem Schiff wie der MS Origo gibt es dauernd irgendetwas zu essen. Zunächst mal sind da drei Mahlzeiten am Tag vorgesehen. Die Zeiten werden täglich an die Informationstafel geschrieben und Anwesenheit ist Pflicht – bei Seekrankheit kann man mal ein Auge zu drücken. Sich übergebende Tischgesellschaften sind auch bei gestandenen Expeditionsleitern nicht gerne gesehen. Die Kost ist meist skandinavisch orientiert - schwedisch oder norwegisch – je nach dem wer gerade über das aufgetischte Essen informiert und es zu seinem jeweiligen Nationalgericht erklärt. Ulf der schwedische Koch und Ole der norwegische Guide sind sich da nie einig. Für uns spielt das auch keine Rolle, wir sind uns auch ohne genaue Kenntnisse der Zuordnung traditioneller skandinavischer Gerichte zum jeweiligen Ursprungslang einig, dass das Essen sehr lecker ist. Auch wenn wir dank der arktischen Kälte viele Kalorien verbrennen, sorgt die mangelnde Bewegung und die gutgemeinten riesigen Portionen doch eher für eine unliebsame, schleichende Gewichtszunahme. Darüber hinaus steht immer etwas Feines zur Verfügung. Ulf ist nicht nur ein guter Koch sondern ein begnadeter Bäcker, der zum Frühstück immer frisches Brot bereit hält und uns für die Zeiten zwischen den Mahlzeiten mit feinen Kuchen und anderen süssen Backwaren versorgt. Die Bar ist 24 Stunden am Tag und ist für alle frei zugänglich. Man notiert einfach die konsumierten Getränke auf einer Liste und bezahlt diese dann am Ende der Expedition. Zum Glück bin ich da konsequent und verzichte auf solchen Expeditionen grundsätzlich auf einen guten Drink, da die Sinne beisammen bleiben sollen. Ich bin schliesslich zum Arbeiten auf dem Schiff und tolle Landschaftsbilder oder das Auftauchen eines Eisbären richten sich nicht nach einem üblichen Tagesablauf. Es gilt stets bereit zu sein um sofort zur Kamera greifen zu können sollte sich etwas Besonderes anerbieten. Also beschränke ich mich hauptsächlich auf Wasser und Tee. Ok, hin und wieder gönnt man sich mal ein Bier zum Abendessen. Sonst aber ist Earl Grey mit Milch und Honig mein favorisiertes Getränk auf dem Schiff, was leider ein erhöhter Harndrang zur Folge hat.

Odoo CMS - a big picture

Die Arbeit als Fotograf in der winterlichen Arktis

Wir gehören mit zu den ersten Fotografen, die Svalbard und den arktischen Winter erleben können. Eigentlich bereist man Svalbard nur im Sommer. So müssen wir eigene Erfahrungen sammeln und können uns nicht auf bereits gesammeltes Wissen verlassen. Die Herausforderungen sind daher auch um einiges anspruchsvoller als im Sommer. Einige Faktoren erschweren uns die Arbeit, vor allem muss man lernen mit der Kälte richtig umzugehen. Wenn man so wie Dawna und ich in den Alpen zu Hause ist, dann kommt man, was die Kälte angeht, mit einer gewissen Selbstsicherheit in den Norden. Zwanzig Grad unter Null oder auch etwas mehr kennen wir ja auch. Ist man häufiger im Engadin, so sind das eigentlich vertraute Werte. Ist man zudem, so wie wir, viel auf Skiern unterwegs, dann sind auch gefühlte tiefere Temperaturen nichts Neues. Den „Windchill“, also die durch den Faktor Wind deutlich tiefer empfundene Temperatur, kann man gut aushalten.

Die Fotografie ist körperlich keine überaus aktive Tätigkeit. Ausser die Arme anzuheben, um die Kamera vor sein Gesicht zu bewegen und mit Zeigefinger und Daumen die richtigen Einstellungen anzuwählen, wird ansonsten nicht viel gemacht. Vielleicht legt man sich mal hin, um Stunden später wieder aufzustehen. Oft merkt man, dass man am Boden angefroren ist und der Körper auf Befehle des Lenkers nicht mehr reagiert. Unsere Bekleidung ist natürlich komplett durchdacht. Zwiebelschichten bringen’s. Zuhause reichen in der Regel 2-3 Schichten. Firstlayer, Midlayer und Shell. Als Fotograf kennt man noch Einige mehr. First layer, second layer, thin insulation layer, thick insulation layer und oder outer layer. Die neue Bekleidung von Penguin haben wir zum ersten Mal dabei und wir sind schon nach den ersten Tagen froh, um die herausragende Performance. Dazu eine Mütze mit Windstopper, ein Innenhandschuh mit Windstopper, einen Iso-Handschuh mit Wärmebeutel-Abteil, den man so aufmachen kann, dass die Finger und der Daumen rausguckt, um arbeiten zu können. So eingepackt, hält man es etwa gute 4 Stunden auf Deck oder im Zodiac aus. Mit Windchill haben wir hier so etwa -25 bis -40 Grad. Das zehrt vor allem am Gesicht. Eine dicke Schicht Fettcrème hilft wenigstens in der ersten Stunde.

Jetzt aber kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, denn man in den Alpen vergebens versucht zu erfahren – Kälte und Salzwasser. Salzwasser ist nebst Sand oder Staub, des Fotografens grösster Feind. Kameras sind eigentlich sehr gut gegen Spritzwasser geschützt, die können einiges ab. Hat man Salzwasser an Kameras oder an Objektiven, dann ist das eigentlich noch nichts Schlimmes. Trocknet die Ausrüstung aber, so bleibt feines Salz zurück, das nun in jegliche Ritzen Zugang findet und dort die zerstörerische Wirkung auslebt. Hat man nun das Glück, dass man bei seiner Arbeit einen schönen Schwall Meereswasser abbekommt, dann will man reflexartig sofort rein um die Kamera feucht abzuwischen und zu reinigen. Geht aber nicht, man ist draussen und hat mehrere Stunden bei minus 17 Grad gearbeitet. Nimmt man die Kamera jetzt mit rein, dann beschlägt sie und mit ihr das Objektiv, welches man im Einsatz hatte. Die Feuchtigkeit geht überall rein. Vor allem so, dass man diese Feuchtigkeit nie wieder mehr rausbekommt. Also, will man die Kamera ins Schiffsinnere nehmen, dann geht das nur mit viel Geduld. Die Kamera muss am besten in einem Drybag verpackt reingenommen und kann erst nach Stunden ausgepackt werden, dann wenn die Ausrüstung „aufgetaut“ ist. Ziemlich übel wenn genau in diesem Moment der Eisbär hinter der nächsten Eisscholle auftaucht und zum Fotoshooting einlädt und man nicht bereit ist.

Man braucht also mehrere Kameras und viele Objektive und vor allem einen vorausschauenden wachen Verstand. Sollte trotz aller weiser Voraussicht trotzdem etwas schiefgehen, und das passiert ganz sicher und zwar immer wieder, dann sollte man ruhig Blut bewahren und sich nicht aufregen, denn dann geht noch viel mehr schief. Man kann nämlich die Speicherkarte ausversehen löschen, weil man dachte, sie sei schon abgespeichert und die einzigartigen Tieraufnahmen damit gesichert. Oder man hat seine Einstellung verändert und die preisverdächtigen Bilder eines seltenen Vogels sind allesamt im Jpeg-Format anstelle im Raw-Format aufgenommen worden, um nur einige wenige Problem-Bereiche zu erwähnen.

Der Einfachheit lässt man also seine komplette Ausrüstung während der gesamten Expedition auf Deck, sodass man sich jedes Mal die Finger oder feuchten Schnauzhaare an der Kamera anfriert. Es gibt übrigens elegantere und schmerzlosere Methoden um sich seines Bartwuchses zu entledigen.

Odoo CMS - a big picture

 Platzhalter

Odoo CMS - a big picture

Die Arktis verschwindet

Vor 10 Jahren war das Wort Klimaerwärmung oder Klimawandel noch etwas Exotisches. Heute vergeht kein Tag, ohne dass die Nachrichten etwas Neues über dieses Thema berichten. Ein grosses Dankeschön an dieser Stelle an Greta und an ihre Kommilitonen auf der ganzen Welt für ihre sture Protestwelle. Der globale Klimawandel hat sich aber nicht nur ihretwegen in das Bewusstsein der Menschheit gebrannt. Ob man sich nun zu denjenigen Menschen zählt, die keinen Zweifel am bevorstehenden Klima-Supergau haben oder aber man gehört der zähen Minderheit an, die das alles leugnen. Das Thema ist zwar überall präsent, doch irgendwie lässt mich das ungute Gefühl nicht los, dass eigentlich gar nicht so viel dagegen unternommen wird. Ich möchte hier und jetzt keinen wissenschaftlichen Grundlagentext erarbeiten und euch, verehrte Leserschaft, mit Tatsachen konfrontieren und gönnerhaft belehren. Ich glaube fest daran, dass mittlerweile jeder halbwegs intelligente und gebildete Zeitgenosse den wissenschaftlichen Berichten Glauben schenkt. Ich möchte euch davon berichten, was ich in den Polarregionen selber gesehen und erlebt habe und welche Schlüsse ich daraus gezogen habe. Und warum ich glaube, dass wir den Karren nicht mehr aus dem Dreck ziehen werden.

Das erste ungute Gefühl, das hier tatsächlich etwas nicht mehr stimmt, bekam ich auf meiner zweiten Reise in die Arktis. Klar es war August und hierzulande erfreut man sich in dieser Zeit einer durchschnittlichen Temperatur von etwa 22 Grad mit Spitzen, die immer häufiger über 30 Grad gehen und sogenannte Hitzetage bescheren. Die Wetterberichte freuen sich dann und überbieten sich mit Ideen wie man die herrlichen Sommertage am Besten verbringen kann. Nicht nur in der Schweiz steigt die Temperatur stetig an. In Svalbard sollte eigentlich die durchschnittliche Temperatur im August etwa so um die 5 Grad liegen – mit Spitzenwerten bis etwa um die 10 bis 12 Grad. 

An einem sonnigen Nachmittag machten wir uns bereit, um Polarfüchse aus dem Zodiac heraus zu fotografieren. Wir befanden uns in einem Fjordsystem im Nordwesten von Svalbard und konnten relativ nahe ans Ufer heranfahren, wo junge Füchse miteinander gespielt haben und uns tolle Aufnahmen ermöglichten. Wir haben dort im Schatten 19°C gemessen. Drei Tage später fuhren wir in unserem Expeditionsschiff der Eisküste von Nordaustlandet entlang. Diese Insel befindet sich (der Name lässt es erahnen) nordöstlich und ist mit einer riesigen Eiskappe überzogen, deren Küstenlinie aus einer rund 50 Meter hohen vertikalen Eiswand besteht die sich über mehr als 250 Kilometer dahinzieht. Die dort gemessene Temperatur im Schatten war mit 21°C sogar noch etwas höher. Und erschreckender. In regelmässigen Abständen von vielleicht 200 Meter sieht man einen massiven Wasserfall über die Eiskante schiessen. Da wird jeder ziemlich nachdenklich. Einer unserer Guides auf der Reise war der Biologe Eirik Groeningsaeter. Er hat mir dann also schon genau erklärt was da abgeht und was wir zu erwarten haben. Ein Beispiel gefällig? Das Meereis schmilzt in der Arktis so schnell, dass nicht mal die kühnsten Klimamodelle mehr mithalten. Das fiese dabei ist, dass anstelle des Eises, welches das Sonnenlicht gut reflektiert und somit einen kühlenden Effekt hat, nun eine dunkle, Licht absorbierende Oberfläche zurückbleibt. Diese wirkt sozusagen als Turbo für den Temperaturanstieg. Das geht so schnell, dass voraussichtlich Svalbard in 10 Jahren eisfrei sein wird. Tolle News für die Eisbären, die dann jedes Mal zum noch letzten Eis hinaus und zurück schwimmen müssen, wenn sie etwas zu fressen haben wollen. Irgendwann ist dann natürlich ganz Schluss. Dazu kommt noch, dass logischerweise auch das Wasser wärmer wird. Geschieht das im gleichen Umfang, und die Messungen weisen deutlich in diese Richtung, dann verschwindet das Plankton, der Motor in der Nahrungskette. Plankton reagiert äusserst sensibel auf Temperaturschwankungen. Davon betroffen sind Millionen Seevögel, die ebenfalls in den nächsten 10-20 Jahren in der Arktis verschwunden sein werden. Den Fischbestand wird dies kaum mehr beeinflussen, denn der Mensch wird diesen vermutlich schon früher komplett abgefischt haben. Keine Fische bedeutet keine Seehunde, dann wiederum keine Eisbären, usw. Das sind nicht nur Szenarien, die auf Grund gewagter Klimamodelle stattfinden könnten, das geschieht zur Zeit tatsächlich.

Ja es stimmt: Um überhaupt an Expeditionen in der Arktis teilnehmen zu könnnen, verursache ich hohe CO2- Emissionen, denn ich benutze Flugzeuge, Autos, Busse, Züge und die allermeisten Schiffsdiesel werden sogar mit Schweröl angetrieben. Ich trage also vermutlich weit mehr zur nahenden Katastrophe bei als viele andere. Ich kann das nicht schön reden. Die Emissionen und die Belastungen sind nicht von der Hand zu weisen. Natürlich versuche ich dies über myClimate zu kompensieren.

Ich habe mich auf eine schizophrene Situation eingelassen. Ich trage einen inneren Kampf mit mir selber aus. Zum einen möchte ich die Polarregionen bereisen um die Schönheit und Einzigartigkeit dieser sehr speziellen Gegend kennen und erleben zu können. Ich möchte die Bilder, die ich während meiner Expeditionen mache nach Hause bringen und sie hier der Öffentlichkeit zugänglich machen. Daraus entstehen Gespräche und Diskussionen rund um den Klimawandel. Und es ermöglicht mir einen gedanklichen Samen zu pflanzen. Vermutlich könnte ich ähnliches vollbringen ohne dabei Bilder aus der Arktis zu zeigen. Meine Bilder aus dieser Region sind aber auch ein Magnet. Es interessiert die Leute natürlich zu sehen, wie es dort ausschaut und sie hören gespannt zu, wenn ich über meine Erfahrungen und Erlebnisse berichte. Meine Bilder sind gute Türöffner dafür. Jedes Bild enthält eine Geschichte. Beim Betrachten kann man einerseits eine eigene Geschichte dazu ausdenken oder die Geschichte hören, die mich zu diesem Bild geführt hat. Das beisst sich nicht. Ein Dialog entsteht und ich brauche nicht umständlich auf irgendwelchen verworrenen Umwegen auf die Thematik des Klimawandels zu kommen. Meine Bilder führen direkt dahin. Und es zeigen sich schnell auch Parallelen. Das schmelzende Eis in der Arktis mag weit weg sein und ist für Viele so spürbar als würde es auf dem Mars und nicht auf der Erde stattfinden. Aber ich kann das Gespräch auf das lenken, was auch wir hier feststellen. Unsere Gletscher verschwinden. Das sieht man und nicht nur auf Bildern, die irgendein Fotograf gemacht hat. Dazu haben die meisten sofort eigene Geschichten. Wie man sich an die Schlureise vor 10, vor 20, 30 oder noch mehr Jahren erinnert und der besuchte Gletscher und seine Ausmasse vor dem geistigen Auge langsam wieder Gestalt annimmt. Und sie erzählen, wie sie beim letzten Besuch ungläubig auf die Stelle geblickt haben wo sich seinerzeit das Gletschtertor befunden hatte. Du schaust Dich um und bist dann nicht mehr sicher, habe ich das jetzt ganz anders in Erinnerung oder hat man als Kind einfach eine andere Wahrnehmung? Dann die ernüchternde Feststellung, dass man nicht falsch liegt und das hier etwas Dramatisches passiert und offensichtlich noch voll im Gange ist. Das schmelzende Eis kann also Brücken bauen. Und es hilft zu verstehen, was ich über die Arktis zu sagen habe. Sie ist dann nicht mehr so fern und die Menschen hier verstehen schnell. Sie können auch mühelos Konsequenzen daraus ableiten, die weniger utopisch klingen als was man vermuten möchte. Das fährt dann den Leuten so richtig ein. Man glaubt eher seinen eigenen Schlussfolgerungen, vor allem wenn die sehr logisch scheinen. Nach solchen Gesprächen bin ich wieder überzeugt, ja es macht doch irgendwie Sinn in die Arktis zu reisen und zu Hause darüber zu sprechen. Ich kann etwas bewegen und ich kann Menschen mit meinem Anliegen erreichen. Viele sprechen mit mir über ihr Ohnmachtsgefühl, wenn es um die möglichen Massnahmen gegen den Klimawandel geht. Was können wir schon ausrichten? Eine kleines Alpenvölkchen aus der sehr kleinen Schweiz. Es ist doch ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn ich zu Hause versuche meinen Strombedarf zu reduzieren, das Auto in der Garage lasse und mit dem ÖV zur Arbeit pendle. Wozu soll ich Papierstrohhalme verwenden, wenn in China oder in Indien nicht mal Müll getrennt wird? Ich bin anderer Meinung und bin voll überzeugt, dass es genau diese Dinge braucht. Wir können unsere Gesellschaft nicht auf einen Schlag verändern. Wir können nicht ein ganzes System auf den Kopf stellen. Vor allem nicht zu einem Zeitpunkt, an welchem es keine funktionierende Alternative zu unserem vorherrschenden Gesellschaftssystem gibt. Ich persönlich bin überzeugt, dass das profitorientierte, kapitalistische System und die damit verbundenen Weltanschauung für die Klimaproblematik verantwortlich ist. Ganz klar auch ich bin Teil dieser Gesellschaft und auch ich lebe mehr oder weniger nach diesen Regeln und Konventionen. Eines habe ich gelernt, eine gesunde, sinnvolle Veränderung braucht Zeit und kann sich nur dann realisieren lassen, wenn die Menschen, die davon betroffen sind, diese Veränderung auch mittragen wollen. Haben wir diesen Zeitpunkt erreicht, an dem dies geschieht oder haben wir resigniert?

Odoo CMS - a big picture

Text und Photos von Hitsch Rogantini